Mai 1993
Riverside County, Kalifornien
Die
Beamten in der Einsatzzentrale des SWAT-Teams konnten die Sonne beobachten,
die in diesem Augenblick hinter dem Horizont hervor stieg. Es war der 13.
Mai 1993 und das SWAT-Team hatte diesen Tag von der ersten Minute an auf dem
"Paso de Lago"-Wohnwagenpark verbracht. Der Einsatz hatte um kurz
vor Mitternacht begonnen und der momentanen Lage nach zu urteilen sah es nicht
nach einem baldigen Ende aus. Die Verhandler der Polizei versuchte seit Stunden,
einen Mann in einem der Wohnwagen dazu zu überreden, seine zwei Söhne
und seine Freundin frei zu lassen. Bisher ohne Erfolg.
Der
Zwischenfall hatte gegen 23 Uhr am vorhergehenden Abend mit einem Anruf bei
der Polizei begonnen. Dem Anrufer zufolge verhielt sich der Besitzer des Wohnwagens
- ein starker Drogenkonsument - schon den ganzen Tag hyperaktiv und platzierte
Waffen aus seiner umfangreichen Sammlung an verschiedenen Punkten im Wohnwagen.
Außerdem bedrohte er seine Freundin und seine zwei neun- und zwölfjährigen
Söhne.
Als Polizeibeamte daraufhin der Beschwerde nachgingen und mit dem Mann sprechen
wollten, weigerte er sich, die Beamten in den Wohnwagen herein oder seine
Familie heraus zu lassen. Nach einer Weile drohte er den Beamten mit einer
seiner Waffen, verschwand im Innern des Campers und verriegelte die Tür.
In Anbetracht dieser Entwicklung und der Tatsache, dass der Mann offensichtlich
tatsächlich eine nicht geringe Anzahl an Waffen besaß und einen
Hang zu gewalttätigem Verhalten hatte, forderten die Polizisten Unterstützung
durch das SWAT-Team an.
Aufgrund
der Berichte über den Drogengebrauch und das aggressive Verhalten des
Mannes begann das SWAT-Team schon sehr früh, einen taktischen Plan zur
Rettung der Geiseln für den Fall einer plötzlichen Eskalation zu
erstellen. Nachdem die Einsatzleitung dem ersten Entwurf zugestimmt hatte,
begann man damit, den Ablauf praktisch zu Üben, um Schwachstellen ausfindig
zu machen und zu umgehen.
Der Plan sah vor, die einzige Tür des Wohnwagens mit einer Türramme
aufzubrechen, während zur Ablenkung gleichzeitig an zwei Ecken des Fahrzeugs
Blendgranaten gezündet werden sollten. Blendgranaten sind Granaten, die
mit einem grellen Blitz und einem sehr lauten Knall explodieren, aber nur
geringen Schaden anrichten. Sobald der Angriffs- und Rettungstrupp Zugang
zum Wohnwagen hätte, sollte das Team eine weitere Blendgranate im Innern
des Wagens zünden, um den Täter orientierungslos und kampfunfähig
zu machen und ihn festnehmen zu können.
Parallel zu diesem Plan wurde ein weiterer für den Fall festgelegt, dass
der Geiselnehmer einschlafen und die Geiseln aus eigener Kraft entkommen sollten.
Das kommt hin und wieder vor, besonders dann, wenn der Täter Drogen konsumiert
hat.
Auch
als es im Verlauf des Morgens ein paar Mal danach aussah, als würden
die Verhandler es schaffen, den Geiselnehmer zum Freilassen seiner Familie
zu überreden, gingen die Vorbereitungen des SWAT-Teams weiter. Gerade,
als man der Meinung war, den Plan so weit wie möglich verbessert und
verfeinert zu haben, erhielten die Verhandlungsführer der Polizei wichtige
neue Informationen.
Man hatte die Gelegenheit, per Telefon mit der Freundin des Täters zu
sprechen und erfuhr, dass ihm zwei Autos gehörten, die in der Nähe
geparkt waren und vor allem, dass der Mann Möbelstücke vor der Eingangstür
des Campers platziert hatte.
Das Problem mit den zwei Autos ließ sich schnell lösen, indem man
sie mit Polizeifahrzeugen blockierte. Viel schwerwiegender war die Tatsache,
dass man den Wohnwagen durch die Tür offensichtlich nicht so schnell
betreten konnte, wie es der Plan erfordert hätte, um das Überraschungsmoment
zu erhalten. Die Tür war also nicht länger der best mögliche
Zutrittspunkt. Das SWAT-Team entschied, sich im Falle des Angriffs stattdessen
Zugang durch ein großes Fenster neben der Tür zu verschaffen. Durch
diese Änderung wurde der Plan komplizierter und damit gefährlicher.
Beim Aufbrechen einer Tür erhält man einen Durchgang von bekannter
Größe. Bei einem Fenster verbleiben aber oft große Reste
der Scheibe im Rahmen. Es galt zu verhindern, dass sich die Beamten zusätzlich
zu der Gefahr, beschossen zu werden auch noch Gedanken um die Glassplitter
machen mussten. Ein Polizist wurde daher mit einer Brechstange ausgerüstet,
um bei Ausführung des Plans die Scheibe möglichst komplett zu entfernen.
Die
Verhandlungen gingen in den Nachmittag hinein weiter, allerdings immer noch
mit wenig Erfolg.
Um den Druck auf den Täter zu erhöhen und ihn zum Aufgeben zu bewegen,
wurde gegen Viertel vor Drei die Stromversorgung des Wohnwagens abgestellt.
Ungefähr eine 45 Minuten später teilte der Geiselnehmer endlich
den Beamten übers Telefon mit, die Geiseln frei lassen und sich ergeben
zu wollen. Ein weiteres SWAT-Team, dass den Täter festnehmen sollte,
stand bereit, während das Angriffsteam den Wohnwagen durchsuchen sollte.
Die Beamten warteten fünf Minuten, aber nichts regte sich und niemand
verließ den Camper. Plötzlich war ein Schuss aus dem Innern zu
hören, gefolgt von Schreien. Sofort war das Angriffs- und Rettungsteam
am Wohnwagen, um den vereinbarten Plan auszuführen.
Simultan zu den explodierenden Ablenkungsladungen zerschlug der Beamte mit
der Brechstange das Fenster. Ein zweiter Mann warf eine Blandgranate in den
Wohnwagen und innerhalb von ein paar Sekunden sicherte das Team den Bereich
direkt hinter dem Fenster und stieg dann in den Camper ein. Es roch nach Schießpulver
und die Beamten entdeckten den Geiselnehmer und seine Freundin um eine Waffe
kämpfend auf dem Boden des Wohnraumes.
Den Polizisten gelang es schnell, den Mann zu überwältigen und ihm
Handschellen anzulegen. Dann sahen sie, dass der Schuss, der aus einer Schrotflinte
stammte, offensichtlich den zwölfjährgen Sohn des Täters getroffen
hatte. Der Junge hatte schwere Verletzungen in Brustbereich und am linken
Arm. Medizinisch ausgebildete Mitglieder des SWAT-Teams sorgten sofort für
eine Erstversorgung des Verletzten, der anschließend mit einem Hubschrauber
in das "Loma Linda University Medical Center" transportiert wurde.
Obwohl er sehr schwer verletzt war, hatte er nach Aussage der Ärzte gute
Aussichten auf völlige Genesung, auch aufgrund der schnellen Hilfe durch
die Polizeibeamten. Der jüngere Sohn und seine Mutter überstanden
die Geiselnahme unverletzt.
Im Laufe der Befragung der Freundin des Täters stellte sich heraus, dass ein langsamerer Zugriff der SWAT-Einheit gravierende Folgen gehabt hätte. Die Frau erzählte den Beamten, dass der Mann, nachdem er auf seinen älteren Sohn geschossen hatte, die Schrotflinte seinem neunjährigen Sohn an den Kopf hielt mit der Absicht, ihn zu erschießen. Aufgrund der Detonationen außerhalb des Wohnwagens und des Eindringens des Angriffstrupps verfehlte der Schuss aber sein Ziel und ging durch die Wand des Campers.