Oktober 1977
Mogadischu, Somalia
Alles begann mit der Entfürung des Arbeitgeberpräsidenten Dr. Hanns-Martin Schleyer. Am Montag, den 5. 1977, gegen 17:30 sollte er mit zwei Fahrzeugen zu seiner Wohnung in Köln gefahren werden. Auf der Fahrtstrecke legten fünf Mitglieder der RAF einen Hinterhalt, erschossen den Fahrer und drei zu seinem persönlichen Schutz eingesetzen Polizisten. Dr. Schleyer wurde in einen VW-Bus gezerrt, mit Betäubungsmitteln ruhig gestellt und weg gefahren.
An
Schleyers Fahrzeug wurden sieben, am Begleitfahrzeug rund 60 Einschüsse
festgestellt. Kriminaltechnische Untersuchungen ergaben, dass zwei Polizisten
noch von ihren Schusswaffen Gebrauch machen konnten. Insgesamt 11 Schuss feuerten
die Beamten ab. Wie man heute weiß, rechneten die Terroristen nicht
mit einer solchen Gegenwehr. Erst kurz vor dem Überfall war das Begleitkommando
von zwei auf drei Mann verstärkt worden.
Obwohl die Angreifer über eine deutlich stärkere Bewaffnung verfügten,
wollten sie die Aktion schon abbrechen. Nach dem Ende des Schusswechsels rechnete
niemand damit, dass Hanns-Martin Schleyer noch am Leben war. Sie fanden ihn
jedoch unverletzt im Fond seines - nicht gepanzerten - Wagens.
Eine der größten Fahndungen der deutschen Kriminalgeschichte nahm nun ihren Anfang. Die RAF meldete ich bei der Bundesregierung und forderte die Freilassung von 11 Terroristen, unter anderem Andreas Baader und Gudrun Ensslin. Es folgten zähe Verhandlungen mit dem Ziel der Zeitgewinnung. Hunderten von Hinweisen wurde nachgegangen, Zeugen befragt, Alibis überprüft, Wohnungen und Fahrzeuge durchsucht. Der entscheidende Hinweis auf den richtigen Aufenthaltsort des Entführten, eine Wohnung in einem Hochhaus in Erftstadt-Liblar), ging aber in der Flut von Hinweisen und Kompetenzproblemen unter. Im Laufe der Fahndung wurde sogar eine andere Wohnung im gleichen Haus durchsucht, in der man aber nichts verdächtiges fand.
Am Donnerstag, den 13. Oktober 1977, folgte dann die zweite Katastrophe. Um 14:38 wurde von der Flugsicherung die Entführung der Lufthansa-Boeing 737 "Landshut" gemeldet. 86 Passagiere und fünf Besatzungsmitglieder befanden sich an Bord. Zwei Frauen und zwei Männer, die der "Volksfront zur Befreiung Palästinas" PFLP angehörten, brachten auf dem Flug von Palma de Mallorca nach Frankfurt die Maschine in ihre Gewalt.
Als erster der Vier war der in Beirut geborene Zohair Youssif Akache am 6. Oktober in Palma eingetroffen. Die anderen drei Terroristen quartierten sich wie er im Hotel "Saratoga" ein und trafen von dort aus die letzten Vorbereitungen. Die Gruppe bestand aus den folgenden Personen:
Zohair
Youssif Akache alias
"Captain
Martyr Mahmud"
(links)
Alter:
22
Geburtsort:
Beirut
Nach
dem Besuch der Oberschule schloss er sich der PFLP an. In London studierte
er Flugzeugtechnik. In dieser Zeit absolvierte er zudem einige Flugstunden
auf einer Chessna. Er galt als einsam, intelligent und umgänglich, solange
die Diskussion nicht auf die Situation der Palästinenser kam. Eine Unterhaltung
mit einem Landsmann endete damit, dass Akache mit einem Messer auf ihn einstach.
1974 wurde er das erste Mal festgenommen, weil er auf einer Demonstration
auf Polizisten eingeprügelt hatte. Anfang 1977 erschoss er in London
drei Personen, darunter den Ex-Ministerpräsidenten des Nordjemen, entkam
und flog noch am selben Tag nach Bagdad.
Hind
Alameh alias
Shanaz
Gholoun (rechts)
Alter:
22
Geburtsland:
Libanon
Libanesische
Christin, die durch die Beziehung zu einem Palästinenser eine radikale
Anhängerin der palästinensischen Linken geworden war. Zum Zeitpunkt
der Flugzeugentführung war sie mit Akache verlobt.
Suhaila
Sayeh alias
Soraya Ansari
Alter:
22
Geburtsland:
Israel
Sie
emigrierte mit ihren paläsinensischen christlich-orthodoxen Eltern nach
Kuwait. In Bagdad studierte sie englische Literatur. Während des libanesischen
Bürgerkrieges übelebte sie das Massaker rechtsextremer chrislicher
Milizen an Palästinnsern im Flüchtlingslager Tal al-Saatar.
Wabil
Harb alias
Riza
Abbasi
Alter:
23
Geburtsort:
Beirut
Sohn
wohlhabender christlicher Libanesen. Im libanesischen Bürgerkrieg kämpfte
er an der Seite der extremistischen Linken und der Muslims und wurde zu einem
fanatischen Kämpfer für die Palästinenser.
Die Vier trafen
sich zum ersten Mal kurz vor der Entführung der Landshut in Bagdad, als
sie an einem Kurs der PFLP teilnahmen, in dem sie mit einigen anderen auf
eine solche Operation vorbereitet wurden. Da sie zu den Kursbesten gehörten,
wurden sie ausgewählt, nach Mallorca zu fliegen. Am Tag der Entführung
brachten sie zwei Pistolen osteuropäischer Bauart, sechs selbst gebaute
Handgranaten und zusätzliche 2,5 kg Plastiksprengstoff an Bord des Flugzeugs.
Als Versteck dienten ein Kofferradio und ein Kosmetikkoffer.
Über Marseille stürmte Akache mit einer der Pistolen ins Cockpit
und verlangte eine Kursänderung in Richtung Zypern, während seine
Komplizen die Passagiere und die restliche Crew bedrohten. Später forderte
er zusätzlich zu den Forderungen der Schleyer-Entführer die Freilassung
zweier inhaftierter Palästinenser sowie 15 Mio. Dollar Lösegeld.
In den folgenden fünf Tagen folgte ein Irrflug mit Zwischenlandungen in Rom, Zypern, Bahrein, Dubai, Aden (Südjemen) und schließlich Mogadischu in Somalia (siehe Darstellung unten). In dieser Zeit gab es mehrere kritische Momente, in denen es danach aussah, als würde "Captain Mahmud" eine der Geiseln erschießen. Wann immer er den Verdacht hatte, eine Person jüdischen Glaubens vor sich zu haben, verlor er die Beherrschung. Bei einer Frau entdeckte er beispielsweise einen Füllfederhalter von Montblanc. Das sternförmige Logo des Herstellers hielt er für ein jüdisches Symbol und trat und schlug daraufhin mehmals auf die Betroffene ein. Am vierten Tag der Entführung macht Akache seine Drohungen wahr und erschießt während einer Zwischenlandung auf dem Flughafen in Aden den Piloten Jürgen Schumann.

Am
frühen Morgen des folgenden Tages, dem 17. Oktober, landete die Boeing
in Mogadischu. Wenige Stunden später traf eine Maschine mit Angehörigen
der GSG 9 ein, die der Landshut seit Beginn der Entführung auf den Fersen
war. Klaus Blättle, der Stellvertreter des Kommandeurs der GSG 9 Ulrich
Wegener, sorgte für ein zügiges Entladen der mitgeführten Ausrüstung.
Wegener selbst sah sich das Gelände rund um die Landshut an und kam zu
einer positiven Einschätzung der örtlichen Gegebenheiten. Den somalischen
Polizeichef weihte er in seine Planung ein, denn dieser wollte mit seinen
Leuten wenigstens am Rande eteiligt sein. Man einigte sich darauf, die Aktion
als gemeinsame deutsch-somalische Operation zu deklarieren.
Kurz vor Mitternacht schwärmte ein Aufklärungstrupp der GSG 9 aus.
Man kam bis auf 30 m an die Landshut heran. Von einer Sanddüne aus beobachteten
sie das Flugzeug mit Nachtsichferngläsern. Zusätzlich waren im Laufe
des Tagen während Wartungsarbeiten Abhöreinrichtungen am Rumpf der
Lufthansa-Maschine angebracht worden, die allerdings nicht den erhofften Nutzen
brachten. Der Aufklärungstrupp stellte fest, dass vermutlich zwei Entführer
im Cockpit saßen, Captain Mahmud und Hind Alameh. Zum Schein war man
auf ihre Forderungen eingegangen und hatte erklärt, ein Flugzeug mit
den 11 deutschen Terroristen sei auf dem Weg nach Mogadischu.
Gegen 1:15 rückten acht Einsatztrupps (6 Sturm- 1 Entschärfer- und
1 Reservetrupp) bis unter die Landshut vor. Zwei Teams gelangen über
Sturmleitern auf die Tragflächen und bereiteten sich auf das Öffnen
der dort befindlichen Notausgänge vor. Wie es der Zufall wollte, hatte
die GSG 9 erst vor kurzem an genau dieser Maschine, der "Landshut",
üben können. Um 2:07 begann schließlich die Operation "Magic
Fire".
Ulrich Wegener:
"Zur Ablenkung hatten zwei britische SAS Soldaten Blendgranaten vor
dem Cockpit gezündet. Die enthielten damals noch Phosphor. Das ist höchst
feuergefährlich. Wir hatten die Dinger vorher n Dbai ausprobiert. Danach
kam für mich ein Einsatz in der Maschine, wo wir sie noch besser hätten
gebrauchen können, nicht mehr in Frage. Später habe ich erfahren,
dass dem SAS bei einer Übungslage mal eine gesamte Maschine abgebrannt
ist. Zeitgleich drangen wir in das Flugzeug ein. Ein Trupp hatte Probleme,
weil Müll den Eingang versperrte. Da wir aber immer schon nach der Auftragstaktik
und nicht nach der Befehlstaktik gehandelt haben, wurde dort improvisiert.
Den Captain Mahmud haben wir gleich erwischt. Er konnte uns nichts entgegen
setzen. Auch die Terroristin S. A. wurde sofort getroffen, war aber nicht
tot. Der zweite Mann, W. H., stand plötzlich bewaffnet vor mir. Augenblicklich
wurde er beschossen. Er schaffte es noch, zwei der sechs Handgranaten zu zünden.
Die erste ging unter einem Sitz hoch, die zweite zündete er im Fallen,
die rollte weiter und explodierte. ott sei Dnk stand keiner dort. [...]
Die Letzte des Quartetts musten wir erst noch suchen. Sie war zum Zeitpunkt
des Zugriffs auf der Toilette und schoss von dort aus auf uns. Durch die Tür
mussten wir sie erschießen, eine andere Wahl hatten wir nicht. Auf eine
längere Belagerung konnten wir uns nicht einlassen, es waren immer noch
zu viele unbekannte Faktoren vorhanden. Auch war unklar, ob es noch unbekannte
Sprengfallen gab, wo genau die 2,5 kg Sprengstoff waren, die Geiseln waren
immer noch gefährdet und nicht zuletzt auch meine Männer. Dann war
alles, nach nur sieben Minuten, vorbei."
Keine der Geiseln wurde bei der Aktion ernstlich verletzt. Nur ein Grenzschutzbeamter erlitt leichte Verletzungen durch einen seitlichen Halsdurchschuss. Er flog nach ambulater Behandlung am frühen Morgen mit den anderen zurück. Ein anderer erhielt einen direkten Treffer auf die ballistische Schutzweste. Von den 16 Kevlar-Lagen hielt erst die 14. das Vollmantelgeschoss auf.
Mit der Befreiung der Geiseln waren die Ereignisse des "deutschen Herbst" aber noch nicht vorbei. Die inhaftierten RAF-Mitglieder Baader, Ensslin und Raspe begingen noch am Tag der Geiselbefreiung im Gefängnis Stuttgart-Stammheim Selbstmord. Am 19. Oktober wurde Hanns-Martin Schleyer im Kofferraum eines Wagens aufgefunden. Er war nach über 40 Tagen als Geisel erschossen worden.
Der
Erfolg der GSG 9 ist als absolut außergewöhnlich zu werten. Derartige,
als "tubular assault" bezeichnete Einsätze in langen und engen
Räumen (z.B. Busse, Züge) sind grundsätzlich schon als sehr
risikoreich und entsprechend kompliziert anzusehen. Flugzeuge allerdings nehmen
hier eine weitere Sonderstellung ein. Eine erfolgreiche Bewältigung einer
solchen Lage gilt so ziemlich als das ansruchsvollste, was ein Spezialeinheit
leisten kann.
Die Geiselbefreiungen, die von den verschiedensten Einheiten rund um den Globus
in den folgenden Jahrzahnten gelöst wurden, verliefen selten so erfolgreich.
Etliche Male kam es dabei zu katastrophalen Fehlschlägen, wie etwa die
Erstümung einer Passagiermaschine 1985 in Malta. Eine ägyptische
Spezialeinheit wollte durch eine Ablenkungssprengung den Zugriff absichern.
Dabei riss allerdings der Flugzeugrumpf auseinander und 20 Passagiere fanden
den Tod. Die übrigen Geiseln. die aus der brennenden Maschine flüchten
wollten, gerieten zwischen die Fronten des ausbrechenden Feuergefechts. Dabei
starben weitere 57 Geiseln.